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Das Sechs-Schichten-Modell in der TCM

Wir freuen uns, folgenden Artikel in der Zeitschrift „Tierheilpraktiker aktuell“ veröffentlich zu sehen. Erschienen im Dezember, 13. Jahrgang, Ausgabe 3/2018.

Das Sechs-Schichten-Modell in der TCM

Jörg Bothe

Die Sechs Ebenen

Neben der Zangfu-Syndromlehre und der Sicht der Fünf Wandlungsphasen gibt es die der Sechs Schichten, auch Sechs Ebenen genannt. Hierbei ist jeder Schicht eine der sechs himmlischen Energien zugeordnet. Die früheste Erwähnung dieser sechs kosmischen Qi findet sich in alten daoistischen Texten, ca. zwei Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung und heißen Yin, Yang, Wind, Regen, Dunkelheit und Helligkeit. Später fanden Sie Bezug zu Stufen der körperlichen Qi-Umwandlung im Shan

han Lun, einem wichtigen Klassiker über fieberhafte Krankheiten mit den sechs exogenen Pathogenen Wind, Hitze, Feuchtigkeit, Feuer, Trockenheit und Kälte. Aus ihm geht das Modell der Sechs Ebenen hervor. Geschrieben wurde dieser Klassiker in der Han-Dynastie (206 vor bis 220 nach unserer Zeitrechnung) von Zhang Zhongjing.

Es ist zu beachten, dass sich die Sechs Ebenen oder Schichten, wie sie vielfach genannt werden, ähnlich wie die Elemente der Fünf Wandlungsphasen, nicht nur auf die physiologischen Funktionen und deren pathologisches Potential beziehen. Sie stehen ebenfalls in Zuordnung zu spezifischen Körperebenen, in denen die jeweiligen Kräfte der Qi-Transformation aktiv sind. Die Sechs Ebenen sind von der Oberfläche in die Tiefe gehend gestaffelt, ähnlich einer Zwiebelschicht. Beginnend an der Außenseite des Körpers vollzieht sich das Eindringen eines störenden Faktors in die tieferen Schichten wie folgt: Taiyang (oberflächlich), Shaoyang (nicht innen, nicht außen), Yangming (Innen), Taiyin (tiefer im Inneren), Shaoyin (noch tiefer im Inneren), Jueyin (tiefste innere Schicht). Syndrome der Yang-Schichten neigen dazu, sich als Hitze an der Oberfläche zu zeigen, da es oft noch genügend Energie gibt, um sich auf diese Weise bemerkbar zu machen. Dies ist bei den Erkrankungen der Yin-Schichten weniger der Fall. Hier hat das Yang die Flüssigkeiten Yin Ye verbraucht, sodass sich Symptome eines Mangels oder Leere zeigen.

Die Behandlung über die sechs Ebenen findet in der modernen TCM weniger Beachtung, was mit der Tatsache immer weniger im Freien arbeitenden Menschen verbunden ist. In der Veterinärakupunktur sollte dieses Modell durchaus verstärkt beachtet werden, da sie den Elementen weiterhin in vielen Fällen ungeschützt ausgesetzt sind, sodass der exogene pathogene Faktor Kälte in den Körper eindringen kann. Auch wenn das Modell zur Behandlung fieberhafter durch Kälte oder Wind-Kälte induzierter Krankheiten für den Arzneimitteltherapeuten von größerer Bedeutung ist, da viele Rezepturen chinesischer Kräuter genannt werden, darf es für den Akupunkteur nicht bedeutungslos bleiben.

Kälte kann über die sechs Ebenen von der Oberfläche (Taiyang) bis ins Innere des Organismus (Jueyin) eindringen und zeigt sich in jeder Schicht mit einer spezifischen  Symptomatik, die einer abgestimmten Therapie bedarf. Der Verfasser des Shanghanlun beschreibt diese sechs Pathologien als die sechs Temperamente. Das Modell der sechs Ebenen umfasst alle Erkrankungen, die durch Kälte oder Wind-Kälte hervorgerufen werden. Jedes Krankheitsstadium zeigt ein anderes Bild auf, sodass man schon sehr genau differenzieren muss, um eine adäquate Behandlung gegen das Kälteübel anzusetzen. Viren und Bakterien waren seinerzeit noch nicht bekannt, sodass man das Kälteübel als gegenläufiges, krankmachendes Qi ansah, welches das gesunde Qi zum Kampf dagegen herausforderte. Das gesunde Qi wird auch als aufrechtes Qi (Zheng-Qi) bezeichnet. Kampf oder Krieg hat eine aggressive, yang-lastige Qualität, die sich als Hitze im Körper zeigt, welche wir als Fieber bezeichnen. Die Höhe des Fiebers macht somit eine Aussage darüber, wie kräftig das Zheng-Qi des entsprechenden Körpers ist. Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass Hitze im Körper durchaus durch Kälte hervorgerufen werden kann, die sich im weiteren Krankheitsverlauf in Hitze umwandeln kann. Nach Auffassung der chinesischen Medizin ist Fieber ein wichtiger Selbstheilungsprozess des Organismus und sollte nicht unbedingt direkt mit Fiebersenker therapiert werden. Nachfolgend werden die einzelnen Krankheitsstadien besprochen, die sich verändern und stündlich ändern können. Der Therapeut muss genau erkennen, in welchem Stadium sich der Patient momentan befindet. Dies ist speziell in der Phytotherapie wichtig. Eine falsche Therapie könnte demnach das Pathogen weiter ins Innere treiben, anstatt es über die äußere Taiyang-Schicht auszutreiben. Oder im anderen Beispiel könnte die Oberfläche geöffnet werden, das Pathogen befindet sich schon in einer tieferen Ebene. Das Öffnen der Oberfläche würde dann den Patienten nur anfälliger für weitere Pathogene machen. Eine genaue Beobachtung und Einschätzung ist hier elementar.

Es werden nachfolgend die einzelnen Stadien beschrieben, beginnend bei der äußeren Taiyang-Ebene, weiter ins Innere bis hin zur Jueyin-Ebene.

Taiyang

Nach der Theorie der Sechs Schichten vollzieht sich die Qi-Transformation von einer Ebene in eine andere, immer von außen nach innen. Demnach beginnen alle physischen Prozesse im Taiyang. Das Taiyang-Kapitel im Shan Han Lun beinhaltet  mehr als 50% der gesamten Abhandlung. Taiyang befindet sich an der äußersten Oberfläche der drei Yang-Schichten des Organismus. Es ist die äußere Tür für das Zheng-Qi (Wahres Qi) des Körpers, und es ist die Pforte, durch die der exogene  pathogene Faktor (epF) Kälte als erstes in den Körper eindringt. Wenn epF Kälte oder Wind-Kälte die Ebene Taiyang überwältigt, dann wird der freie Fluss des an der Oberfläche fließenden Wei-Qi‘s behindert. Das Wei-Qi im Taiyang stagniert, und es kommt zur Erkrankung.  Aus dieser Perspektive heraus ist die präventive Methode, die Oberfläche zu schützen und pathogene Faktoren wie Wind oder Kälte daran zu hindern, in die Taiyang-Schicht einzudringen, damit sie nicht tiefer ins Körperinnere eindringen und schwerere lang anhaltende Pathologien verursachen können.  Meist sind im Taiyang-Stadium Wind und Kälte in den Körper eingedrungen, da der Wind gerne ein „Transportmittel“ nutzt, um sich besser auszubreiten. In der Praxis sollte vorab geklärt werden, ob verstärkt der epF Wind oder Kälte eingedrungen ist.

Kälte überwiegt

EpF blockiert die Oberfläche und behindert Wei-Qi am freien Fließen. Die wärmende Funktion des Wei-Qi und die Fähigkeit, die Poren zu schließen, sind beeinträchtigt.

  • Abneigung gegen Kälte
  • Erhöhte Temperatur ohne Schwitzen
  • Kopfschmerzen
  • Gliederschmerzen
  • Rückenschmerzen (Pathogen dringt über den Taiyang ein, dem Blasenmeridian mit zwei Ästen am Rücken)
  • Kurzatmigkeit
  • Puls oberflächlich und gespannt
  • Zunge unauffällig

Akupunktur

Da das Pathogen noch an der Oberfläche sitzt, empfiehlt sich eine oberflächliche Nadelung.

Oberfläche öffnen mit  Di4, Lu7, SJ 5, Du14, Du16, Bl2, GB20

Schwitzen anregen mit Ni7, Di4, Lu10, Bl11

Lungen-Qi stärken mit Shu-Punkte von Lunge[1], Lu6, Lu8

Wind überwiegt

Ein geschwächtes Wei-Qi kann die Poren nicht verschließen, das Ying-Qi wird blockiert, Schwitzen entsteht. Haut und Muskeln können nicht genügend erwärmt werden und erklärt die Abneigung gegen Wind.

  • Abneigung gegen Wind
  • Nackensteifigkeit und –schmerzen
  • Erhöhte Temperatur mit Schwitzen
  • Frösteln
  • Schnupfen
  • Puls ist oberflächlich und langsam
  • Zunge eher unauffällig

Akupunktur

Behandlungsprinzip ist, das Yang zu wärmen, Ying- und Wei-Qi zu harmonisieren und Wind auszuleiten.

Wind ausleiten mit Gb20, Bl12, Dü12, SJ17, Du16

Yang wärmen mit Di4, SJ5, Du13, Du14, Bl11, gerne mit Moxibustion

Ying- und Wei-Qi harmonisieren mit Di11, Ma 36

Shaoyang

Wenn das Scharnier Shaoyang zwischen Oberfläche und Innerem des Körpers nicht funktioniert, kann es zu steifen, schmerzhaften Gelenken kommen, die sich bei Kälte und Wind sowie bei Wetterumschwung verschlimmern. Ist das Scharnier zerbrochen, dann sind die Knochen locker, und man steht nicht fest, heißt es im Shanghanlun. Die Krankheit ist nach den acht Leitkriterien halb innen und halb außen einzusortieren, quasi in einem Zwischenzustand. Die Symptome sind:

  • Wechselfieber
  • Ohrensausen[2]
  • Schwindel
  • Appetitverlust
  • Unruhe und verstärkte Reizbarkeit
  • Übelkeit und Brechreiz
  • (bitterer Mundgeschmack)
  • Verschwommenes Sehen
  • Puls ist saitenförmig
  • Zunge mit weißem schmierigem Zungenbelag, vor allem auf der rechten Seite.

Der epF wird durch den Kampf mit dem Zheng-Qi abwechselnd stärker und schwächer. Der Körper produziert abwechselnd Fieber und Schüttelfrost. Eine Unterscheidung zum Taiyang-Stadium, das zudem abwechselnd Fieber und Frösteln hervorrufen kann, ist wichtig. Im Taiyang-Stadium geschieht dies gleichzeitig, während sich im Shaoyang-Stadium Fieber und Frösteln abwechseln. Die seitliche Rippengegend wird von der Gallenblasenleitbahn-Leitbahn weitestgehend durchzogen, so dass hier Schmerzen und ein Beklemmungsgefühl auftreten. Appetitlosigkeit, Übelkeit und Brechreiz resultieren aus dem Hitzestau in den Meridianen Gallenblase, die Magen und Milz irritieren (Holz greift Erde an, wie es in der Diagnostik nach den fünf Wandlungsphasen bekannt ist).

Der bittere Mundgeschmack, Ohrensausen, Schwindel und Sehstörungen sind die Folge des aufsteigenden Feuers in Gallenblase. Der saitenförmige Puls weist auf eine Störung von Gallenblase hin, wie die Lokalisation des Zungenbelages an den Zungenrändern.

Das Behandlungsprinzip liegt darin, das Innen und Außen zu harmonisieren und das Zheng-Qi im Kampf gegen das Pathogen zu stärken. Schweißtreibende als  ausleitende Kräuter und Akupunktur sind hier kontraindiziert. Er ist zu weit nach innen vorgedrungen. Ein Öffnen der Poren hätte zur Folge, dass der Körper nur anfälliger für weitere krankmachende Faktoren ist. Wir würden ihn mit diesem Kunstfehler eher schwächen als stärken. In der Therapie mit Kräutern ist dies im Besonderen zu beachten.

Akupunktur

Harmonisierung vom Außen und Inneren mit SJ5(+)[3] (als Punkt auf dem Yangweimai harmonisiert er alle Yang-Leitbahnen), Du13, Du14, Bl13, Di4, Di11.

Zheng-Qi stärken mit Ren4(+)[4], Ren6(+), Ren12(+), Ma36(+), Di10(+). Alle Punkte können mit Moxa behandelt werden.

Kontraindiziert sind ausleitende Maßnahmen, da das Tier sonst ins Delirium fallen kann. Das Shanghanlun empfiehlt den Akupunkturpunkt Gb14 zu nadeln, wenn das Delirium 5 Tage andauert. Doch bis zu dieser Zeit werden heutzutage längst schulmedizinische Maßnahmen ergriffen.

Westliche Krankheitsbilder, die dem Shaoyang-Stadium entsprechen sind nach meiner Auffassung sehr viele; alle Erkrankungen mit Wechselfieber. M. E. kann auch die Borreliose dazu zählen.

Yangming

Yangming bedeutet so viel wie „das Helle“ oder „das leuchtende Yang“. Bekanntlich überkreuzen sich im Yangming Taiyang und Shaoyang, während die Yangming-Schicht die innerste der drei Yangschichten und somit auch die yin-lastige der drei Yangschichten ist. So fungiert Yangming, wie ein Schloss, das die innersten Yinschichten vor Pathologien schützt und andererseits die Taiyin-Schicht stärkt. Taiyin und Yangming präsentieren sich als erste der drei Leitbahnenumläufe und bilden somit die bekannte Innen-Außenkopplung dieser Zang Fu. Yangming kommuniziert mit Taiyin und kräftigt die Yin-Energien des Taiyin. Nach dem gelben Kaiser ist der Funktionskreis Magen wie eine Kornkammer und stellt die fünf Geschmäcker bereit. Yangming bildet also die Grundlage für die Transformation des Nachhimmels-Qi und Xue[5] und ist somit die erste Station dieses Energiebildungsprozesses.

Für die Zang Fu ist der Funktionskreis Magen die Quelle der Essenz und Qi. Nicht umsonst bezeichnet man die Akupunkturpunktkombination Wei 36 und Wei 30 als das Meer des Getreides und Bl11, Ma37, Ma37 als Meer von Xue. Fast alle Punkte liegen auf dem Fuß-Yangming. Sie sind mit dem Yangming verbunden und liefern Qi und Xue zu den Jingluo und Xue Mai (Blutgefäße).

Yangming schafft den Ausgleich der Energien in den Schichten (Magen gibt an Milz weiter, senkt aber an Dickdarm ab und schafft somit einen Ausgleich der Energien).

Während Taiyang eine öffnende Funktion hat, wird Yangming eine schließende zugeschrieben, während Shaoyang wie bereits erwähnt die Scharnierschicht darstellt. Yangming ist die Schicht, in der die Umwandlung des Qi und später auch in Xue, also das nachhimmlische Qi seinen Ursprung hat. Das Ling Shu nennt den Ursprung der sechs Qi im Yangming[6]. Diese sind Qi, Jin (klare Körperflüssigkeiten), Ye (unklare Säfte), Xue und Mai (Energie des Pulses). Daher verfügt diese Schicht als einzige der Sechs Ebenen direkt über substanzielle Energie. Yangming hat gleichermaßen viel Qi und Xue.

In der zweiten Runde des über insgesamt sechs Runden gehenden Kampfes verteidigt sich das Zheng-Qi tapfer gegen das Pathogen. Hier wandelt sich Kälte in eine volle Hitze nach den Acht Leitkriterien. Wie schon erwähnt gibt die Höhe des Fiebers eine Angabe über die Beschaffenheit des Zheng-Qi. Die schließende Schicht versucht in diesem Kampf das Pathogen zu bekämpfen oder zurück über den Taiyang nach außen zu senden. In der Pathologie werden zwei Phasen unterschieden:

Yangming-Leitbahnsyndrom

  • Hohes Fieber
  • Profuses Schwitzen
  • Trockener Mund und Zunge
  • Ausgeprägter Durst auf kalte Getränke
  • (rotes Gesicht)
  • Ruhelosigkeit
  • Abneigung gegen Wärme
  • Puls voll, schnell und oberflächlich; zum Teil überflutend
  • Zungenkörper: rot, Zungenbelag zum Teil gelb, trocken

Die Symptome sprechen für sich und deuten auf ausgeprägte volle Hitze hin. Bei der ausgeprägten Schweißneigung versucht sich der Körper von der Hitze zu befreien. Interessant hierbei ist der Puls, der zwar schnell und überflutend, sich aber oberflächlich anfühlt. Dies ist der Fall, wenn der epF noch an der Oberfläche, sprich im Leitbahnsystem sitzt. Der volle Puls weist auf einen starken pathogenen Faktor, jedoch aber auf eine starke Abwehrkraft hin. Bei einem schwachen Abwehrsystem würde das Pathogen nicht lange in der Yangming-Schicht verbleiben, sondern direkt „durchgereicht“ werden, da keine Abwehr durch das Fieber, welches durch das Zheng-Qi verursacht wurde, vorhanden ist. Die Abwehrkräfte müssen mobilisiert werden. Um Xue und Qi zu tonisieren, sollte über die Yangming-Schicht gearbeitet werden. Das gilt auch in der Rekonvaleszenz. Eine Behandlungsstrategie wäre Hitze zu kühlen und auszuleiten, sowie die Produktion der Jinye zu fördern.

Akupunktur

Hitze ausleiten mit Jing-(Brunnen)-Punkten, ggf. bluten lassen, Ma41(-) und  Di5(-), Du14, Di4, DC 1, Ma44(+), Ma2(+).

Jin Ye nähren mit Ma36, Mi3, Lu5, SJ2, Di11, Ni7, Ni3

Yangming-Fu-Syndrom

  • Hitze nur am Nachmittag (zu beachten ist, dass es sich hier um ein Fülle-Syndrom handelt; bei einer Yin-Leere beginnt die Hitzesensation am Nachmittag, dauert länger oder verstärkt sich zur Nacht hin).
  • Verstopfung
  • Völlegefühl und Schmerzen im Abdomen, Fülle-Schmerz, d.h. Druck verschlimmert.
  • Reizbarkeit, Unruhe, je nach Ausprägung des Fiebers Delirien möglich.
  • Puls ist tief, voll und schnell, evtl. überflutend,
  • ZK rot, ZB dick, gelb und trocken, manchmal bräunlich schwarz

Das Pathogen ist weiter ins Körperinnere vorgedrungen und hat die Fu Dickdarm und Magen befallen. Dass das Fieber am Nachmittag besonders hervor tritt liegt an der Wei-Qi-Zirkulation durch den Körper, wonach es am Nachmittag seine Hochkonzentration im Yangming hat. Daher die Schmerzen im Abdomen. Der Verlust an Jin Ye führt zur Austrocknung im Dickdarm, weshalb sich Obstipation zeigt. Extreme Hitze beeinträchtigt den Geist Shen*. Dies erklärt die mit diesem Stadium verbundene Unruhe, Reizbarkeit und manchmal Delirien. Verstopfung beheben und Hitze ausleiten heißt hier die Strategie.

Akupunktur alle Punkte mit sedierender Nadeltechnik (-)

Verstopfung auflösen mit Ma25, Bl25, Sj6, Ni6, Ma36, Ma44

Hitze ausleiten mit Jing-(Brunnen)-Punkten, ggf. bluten lassen, Ma41(-) und Di5(-), Du14, Di4, Di1, Ma44(+), Di2(+).

Taiyin

In diesem Stadium ist das Kälteübel nun tragischer Weise ins Körperinnere vorgedrungen. Man könnte sagen, dass Zheng-Qi habe den Kampf gegen den epF Kälte oder Wind-Kälte endgültig verloren. Kälte breitet sich im Mittleren Jiao aus. Nach den Acht Leitkriterien finden wir nun eine Leere-Kälte vor.

  • Abdominales Völlegefühl
  • Blähungen
  • Bauchschmerzen, Druck und Berührung wird als angenehm empfunden
  • Appetitlosigkeit
  • Abneigungen gegen Kälte
  • Wässrige Durchfälle
  • Erbrechen
  • Wenig oder kein Durst
  • Geräusche im Abdomen
  • Puls langsam, tief und schwach
  • ZK, blass, evtl. geschwollen, ZB dünn und weiß.

Behandlungsstrategie: Taiyin und mittleren Jiao wärmen, Kälte zerstreuen, speziell Milz-Yang stärken.

Akupunktur

Mitte wärmen mit Moxa auf Ma25, Ma36, Ren12, Bl20,  Bl21

Yang wärmen mit Moxa auf Du4, Ren4, Ren6.

Shaoyin

Die Funktionskreise Herz und Niere werden befallen, falls die Erkrankung nicht im Taiyin-Stadium gestoppt werden kann. Mittlerweile ist es jetzt zu einer  ernstzunehmenden Krankheit gekommen. Die Niere ist die Wurzel von Yin und Yang des gesamten Organismus und das Herz der Ursprung aller seelischen und emotionalen Aktivitäten. Hier zeigt nach dem Shanghanlun der epF sein wahres Naturell, die Absicht der Vernichtung des gesamten Organismus. Erfolgt keine Therapie, dann sind die Aussichten auf Selbstheilung ungünstig. Zwei Shaoyin-Zustände werden aufgeführt. Shaoyin fungiert wie ein Scharnier der inneren Ebenen und verbindet Taiyin und Jueyin, sodass Qi und Xue, Yin und Yang im Inneren harmonisch zusammenwirken.

Shaoyin-Syndrom mit Kälteumwandlung

  • Frösteln
  • Kalte Extremitäten
  • Patient rollt sich gerne ein oder liegt lange eingerollt
  • Ausgeprägte Schwäche
  • Müdigkeit; Patient schläft viel
  • Antriebslos
  • Durchfall mit unverdauten Nahrungsbestandteilen
  • Kein Durst oder Verlangen nach heißen Getränken
  • Klarer Urin
  • Puls ist tief und dünn
  • Zunge deutlich blass, zum Teil mit schwarzer Verfärbung

Neben durch den Yang-Mangel selbst erklärenden Symptomen findet sich ein fadenförmiger Puls. Da das Yang-Qi zu schwach ist, wird vom Körper kein kraftvoller Puls mehr gebildet. Eine schwarze Zunge kann durch eine innere Kälte entstehen, die die Blutzirkulation stagnieren lässt.

Strategie: Verhindern, dass das Yang kollabiert.

Akupunktur ist hier wegen der ausgeprägten Qi-Leere nicht zu empfehlen. Obwohl es in der Literatur Akupunkturpunktkombinationen zur Rettung des Yang gibt, raten viele TCM-Praktiker davon ab. Das ist aber von Therapeut zu Therapeut verschieden. Daher nur Moxa auf Ren8, Ren3, Ren4, Ren6.

Shaoyin-Stadium mit Hitze-Umwandlung

Dies ist ein reiner Yin-Mangel mit sog. Leerer Hitze.

  • Fieber
  • Reizbarkeit
  • Große Unruhe
  • Schlaflosigkeit
  • Trockener Mund und Kehle
  • Wenig gelber Urin
  • Puls ist schnell und schwach/dünn.
  • Zunge ist tiefrot ohne Belag

Therapie ist das Yin zu nähren, die Jin Ye zu tonisieren und leere Hitze zu klären.

Akupunktur

Yin nähren mit Lu7, Ni6, Ren4, Gb13, Lu5, He7, Mi6, Ren3

Jin Ye schützen durch tonisieren der Wasserpunkte des Shaoyin, also He3(+) und Ni10(+)

Hitze klären indem die Feuerpunkte des Shaoyin sediert werden, also He8(-) und Ni2(-); gleichwohl auch Du14(-), Di4(-), Di11(-), Du13(-), Fei-Shu(-), Ma43(-)

Zum besseren Verständnis entsprächen westliche Krankheitsbilder wie Burn-Out, chronische Schlaflosigkeit etc. dem Shaoyin-Syndrom mit Hitze-Transformation.

Jueyin

In dieser Ebene wird Xue gehalten und gespeichert (bekanntlich speichert die Leber Xue). Hier wird das letzte Gefecht mit dem Pathogen ausgetragen, der in dieser Ebene bereits bewirkt hat, dass sich Yin und Yang im Körper beginnen zu trennen. Dies zeigt sich an gleichzeitig auftretenden Hitze- wie Kältezeichen. Ein sehr besorgniserregender Zustand mit keiner guten Prognose, mit Therapie.. Ohne Behandlung verstirbt der Patient sicherlich, denn der Körper hat keine Abwehrkräfte mehr entgegenzusetzen.

  • Ständiger Durst und ständiges Wasserlassen
  • Hitzegefühl im oberen Jiao, Kältegefühl im unteren Jiao
  • Hunger, aber zu schwach zum Essen
  • Starke körperliche Schwäche
  • Schmerzen und Hitzegefühl im Herzen
  • Diarrhö
  • Hitzegefühl der Hände, obwohl Frieren im Inneren
  • (beim Essen werden Würmer erbrochen) Vollständigkeitshalber sei dies hier aus klassischen Texten genannt. Heutzutage eher weniger anzutreffen.
  • Puls verschwindend, so wie nicht mehr tastbar
  • Über Veränderungen der Zunge werden keine Angaben gemacht

Behandlungsstrategie ist die Ausleitung des pathogenen Faktors bei gleichzeitiger Stärkung des Organismus. Da der Körper sehr geschwächt ist, sollte, wenn überhaupt, sehr sparsam Akupunktur angewandt werden.

Akupunktur

Le-Qi harmonisieren mit Le3, Le14, Bl18

Mitte wärmen mit Moxa auf Ren12 und Ma36

Würmer austreiben mit Mi5, Mi16 und Extrapunkte Sifeng

Qi und Xue im unteren Jiao zu stärken mit Moxa auf Ren6

Qi und Xue an den unteren Extremitäten zu bewegen mit Du5(M) und Di4.

Fazit

Nach meiner Auffassung macht es sehr viel Sinn, sich mit dem aus der „Mode“ gekommenen sechs-Schichten-Modell vertraut zu machen. Richtig erkannt und angewandt wird man durch schnelle und nachhaltige Behandlungserfolge belohnt werden.

Einen Grundkurs in Tierakupunktur beginnt in der Tierakupunkturschule, Wuppertal am 6.4.2019 und beinhaltet 9 Wochenenden.

Mögen alle Wesen glücklich sein.

[1]           Ich  arbeite mit den traditionellen Rücken-Shu. D.h. nicht mit dem transponierten System wie Bl13 – 28, sondern nach den alten Tafeln, die schon seit je her existieren. Es gibt Akupunkturtafeln von Hund, Pferd, Rindern, Hühnern, Kamelen etc. Da viele Kollegen jedoch nach dem transponierten System arbeiten, werden hier nur die Rücken-Shu Punkte ohne nummerische Benennung genannt.

[2]           Viele Klassiker der TCM befassen sich mit der Human-CM. Daher sind der Vollständigkeit halber alle Symptome aufgeführt. Es ist klar, dass Tiere ein „Ohrensausen“, oder Schwindel nicht verbal äußern können. Jedoch kann mit Empathie schon ein Schütteln des Kopfes oder Desorientierung in Verbindung mit anderen Symptomen als solches interpretiert werden. Hier hilft sicher die Praxiserfahrung des Therapeuten.

[3]           + bedeutet hier tonisieren, – sedieren und ein M hinter der Punkteempfehlung besagt, dass dieser Punkt auch mit Moxa behandelt werden kann.

[4]           Die Punkte unterhalb des Nabels, also < Ren(-mai)8 werden beispielsweise bei Pferden nicht genadelt (Gefahr für die eigene Gesundheit). Bei Hunden und Katzen kann man auch mit Moxakegeln sehr gute Ergebnisse erzielen.

[5]           Xue kann nicht direkt mit Blut übersetzt werden, da nach chinesischer Auffassung noch die energetische Komponente zu den Blutbestandteilen gezählt wird. Die 1:1-Übersetzung von Xue in Blut ist hier zu ungenau. Xue wird im Grunde genommen auch als die Yin-Komponente von Qi angesehen.

[6] Lingshu, Kap. 30.

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